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Hotspot Bericht

Mit der Kamera an die Kriegsfront

Schweiz, 18.05.2018 vonCéline Neuenschwander

Wenn er gerade nicht unterrichtet, dann reist Alex Kühni in den Krieg. Als Kriegsjournalist dokumentiert er die Konflikte dieser Welt. Sein Ziel dabei: Das Bewusstsein der Menschen in den westlichen Ländern schärfen. Zu diesem Zweck gibt er sich oftmals selbst in Lebensgefahr. Für seine Arbeit gewann Kühni den diesjährigen Swiss Press Photo Award der Kategorie Ausland. Ein Interview über ein Leben zwischen Klassenzimmer und Kriegsfront.

Als Kriegsreporter bist du direkt an der Front unterwegs und warst unter anderem an den Kriegsschauplätzen im Irak und in der Ukraine. Wie kam es überhaupt dazu?

Ursprünglich bin ich auf meiner Reise nach Nordkorea reingerutscht. Das war 2011, als ich als Tourist das Land bereiste und mir vor meinem Abflug die Bilder von der Kamera gelöscht wurden. Ich versuchte daraufhin, die Fotos aus dem Land zu schmuggeln und kam so auf den Geschmack. Als Fotograf versuche ich, schwierige Orte zu bereisen und auf die Konflikte aufmerksam zu machen. Damit möchte ich meinen Beitrag leisten und das Bewusstsein der Leute stärken. Ausserdem hat das Dabeisein bei historisch relevanten Ereignissen für mich Etwas süchtig Machendes. Kurzerhand entschloss ich mich für einen Trip in die Ukraine während dem Maidan Aufstand und besuchte den Gaza Streifen und den Irak.

 

Wie bereitest du dich auf deine Reisen als Kriegsjournalist vor?

Ich arbeite als Freelancer und suche mir meine Stories selber aus. Wenn ich mich für einen Konflikt entschieden habe, sind lokale Kontakte das Wichtigste. Über bestimmte online Foren kann man mit sogenannten Fixern in Kontakt treten. Das sind Personen vor Ort, die sich auskennen, übersetzen und mir den Zugang ins Kampfgebiet verschaffen. Gute Fixer zu finden ist keine leichte Aufgabe und sehr zeitaufwändig. Es gab Fälle, in denen Kriegsjournalisten von ihren Fixern an gegnerische Truppen verkauft wurden. Deshalb ist die sorgfältige Prüfung der Kontakte vor Ort lebenswichtig.

Photo: Alex Kühni

Wie steht es um deine Sicherheit während deinen Einsätzen vor Ort? Gab es bereits Situationen, in denen du in Gefahr schwebtest?

Ja, die gab es mehrmals! Am gefährlichsten ist der urbane Krieg, das heisst, wenn sich die Kampfzone in eine Stadt verlegt und dadurch sehr unübersichtlich wird. Diese Situation habe ich in Mosul erlebt. Dabei kamen viele improvisierte Sprengsätze zum Einsatz, die nicht auf den ersten Blick erkennbar waren. Selbst ein Lichtschalter konnte ein getarnter Sprengsatz sein, der in die Luft ging, sobald man den Schalter betätigte. Es gab Situationen, in denen ich unter Mörserbeschuss kam oder es gab Verwechslungen, bei denen die Kampftruppen unser Fahrzeug für das einer feindlichen Truppe hielten.

Man darf trotzdem nicht vergessen, dass ich alle diese Einsätze freiwillig mache. Ich kann jederzeit abbrechen und zurück in die Schweiz reisen. Die Leute vor Ort können ihrem Schicksal hingegen nicht entfliehen.

Bei Einsätzen schütze ich mich zudem mit einem schusssicheren Helm und einer Schutzweste mit der Presseaufschrift. Ausserdem führe ich Verbandsmaterial mit mir und ich kann Schussverletzungen behandeln.

 

Auf deinen Einsätzen siehst du Situationen, welche die meisten von uns nie sehen werden. Wie verändern dich diese Eindrücke?

Grundsätzlich weiss ich ungefähr, welche Situation mich vor Ort erwarten wird. Ich habe gelernt, mit martialischen Bildern umzugehen und inzwischen bereitet mir dies keine Mühe mehr. Zu Beginn hatte ich Schwierigkeiten mit dem Tod und Sterben, durch meine Einsätze erlernte ich einen sachlichen und weniger emotionalen Umgang damit. Insofern haben mich die Einsätze verändert. Trotzdem gibt es immer wieder Situationen, bei denen ich an meine Grenzen komme. Beispielsweise wenn Kinder involviert sind und wenn man das Elend und die Verzweiflung einer Familie miterlebt. Das berührt mich nach wie vor sehr.

Photo: Alex Kühni

Wie reagieren die Bevölkerung oder Konfliktparteien an der Front, sobald sie dich und deine Kamera sehen?

Die Reaktionen sind oftmals sehr positiv. Die Personen in Notsituationen möchten, dass man über ihre Lage berichtet. Denn eine internationale Berichterstattung aktiviert die Unterstützung durch die Hilfswerke. Teilweise ergeben sich auch durchaus interessante Gespräche mit der Zivilbevölkerung. So passiert in Mosul, einer stark sunnitischen Stadt, dessen Bewohner bislang keinen Tourismus kannten und entsprechend neugierig waren. Dann raucht man gemeinsam eine Zigarette und unterhält sich über ganz banale Dinge. Solche Situationen verleihen der ganzen Kriegssituation etwas Menschliches.

 

Was passiert nach deinen Einsätzen mit den Bildern?

Während dem Einsatz dokumentiere ich die Geschehnisse. Obwohl es auch da immer wieder Momente gibt, in denen man die Kamera zur Seite legt und beispielsweise die Sanitäter unterstützt und Leute verarztet. Bin ich einmal zu Hause, mache ich die Bildauswahl und zeige mein Material dem Editor eines Magazins. Bei der Auswahl braucht es eine Portion Feingefühl, man will nichts beschönigen und muss trotzdem gewisse Grenzen einhalten. Sobald die ganze Story steht, verkaufe ich sie an einzelne oder mehrere Medien.

 

Was möchtest du im Endeffekt mit deinen Bildern bewirken?

Den meisten Leuten in der Schweiz ist nicht bewusst, was für ein privilegiertes Leben sie hier führen.

Wenn ich schon nur ein paar Menschen in den westlichen Industrienationen ihrer privilegierten Lage bewusst machen kann und Verständnis für die Leute in kriegsgebeutelten Ländern schaffe, bin ich bereits zufrieden. Ich bin überzeugt, dass die mediale Aufmerksamkeit notwendig ist, damit Hilfeleistung erfolgt und das Elend beendet wird. An diesem Punkt kann und will ich etwas beitragen. Und falls das alles eine Illusion ist und meine Bilder nichts bewirken, so weiss ich immerhin, das ich vor Ort war und Menschen verarztet habe.

 

Gibst du uns einen Ausblick auf deine nächsten Einsätze?

Als nächstes werde ich nach Bangladesch reisen, dort möchte ich eine Story zur Rohingya Krise verfolgen. Nächstes Jahr werde ich eine längere Auszeit nehmen und plane, 7 Monate unterwegs zu sein. Am liebsten möchte ich als Korrespondent in einem Konfliktgebiet stationiert sein. Ort und Konflikt sind im Moment noch offen.

Photo: Alex Kühni
Photo: Alex Kühni

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