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Hotspot Bericht

Ein knappes Jahr im Bürgerkrieg

Sudan, 15.11.2017 vonCéline Neuenschwander

Fast ein Jahr im Bürgerkrieg leben, die Lage scheint aussichtslos und eine Konfliktlösung liegt in weiter Ferne: Martin Markovic hat genau das erlebt. Für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz war Markovic im Südsudan. Oberstes Ziel: Die Kriegsfolgen für die Bevölkerung abzuschwächen. Zurück in der Schweiz erzählt der 33-Jährige vom Alltag, wie wir ihn uns in der Schweiz nicht vorstellen können, der Arbeit für eine Hilfsorganisation und was die Verhandlungen vor Ort so schwierig macht.

Sie waren ein knappes Jahr im Südsudan für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) tätig. Was haben Sie da genau gemacht?

Während dieser Zeit war ich in Wau stationiert, einer Stadt im Nordwesten des Südsudan. Dort arbeitete ich für das IKRK als Administration Manager. Trotz dem Aufenthaltsort in einem Bürgerkriegsland, hatte ich einen relativ sicheren Job im Büro. Ich führte ein kleines Team und war für die Bereiche Finanzen, Wohngebäude und Administration zuständig. Das IKRK ist mit allen Konfliktparteien im Dialog. Ziel ist es, die Kriegsfolgen für die Bevölkerung zu minimieren. Zudem werden Aufbauprojekte unterstützt, wie beispielsweise der Bau von Spitälern oder Wasserprojekten. Das IKRK arbeitet unabhängig von Regierungen, anderen Hilfsorganisationen und der UNO. Nichtsdestotrotz koordiniert das IKRK seine Anstrengungen mit anderen humanitären Akteuren um Duplikationen verschiedener Projekte zu vermeiden.

 

 

Wie war der erste Eindruck bei der Ankunft?

Der Kulturschock begann bereits am Flughafen. Als ich landete, sah ich zwei kommerzielle Flugzeuge und eine ganze Armada von Flugzeugen der Hilfsorganisationen. Das war sehr vielsagend. Ich dachte mir nur, wow – diesem Land muss es ja wirklich miserabel gehen. Der Flughafen selber bestand auch nur aus Holzpaletten und ein paar Zelten. Dann gewöhnte ich mich aber recht schnell an die neue Umgebung. Durch die Organisation war ich gut eingebettet und wurde an die neuen Situationen herangeführt.

 

 

Wie sah für Sie ein typischer Arbeitstag im Südsudan aus?

Es war erstaunlich, wie schnell ich mich an den Büroalltag in einem ungewöhnlichen Umfeld gewöhnt hatte. Man stand morgens auf, ging ins Büro und begann mit den täglichen Aufgaben. Trotzdem war es alles andere als ein Routinejob. Es kam ständig vor, dass man den Tagesplan ändern musste, aufgrund von kritischer Sicherheitsereignisse, Reparaturen oder weil Mitarbeiter mich um Hilfe fragten. In Ruhe arbeiten konnte ich meistens erst am Abend. Einerseits war man in einer komplett anderen Welt, die man sich hier in der Schweiz kaum vorstellen kann. Andererseits waren wir auch im Südsudan nicht komplett dem Bürgerkrieg ausgeliefert. Dank dem Sicherheitsmanagement des IKRK waren wir ständig über Veränderungen der Kriegslage informiert. Unsere Gebäude waren durch die Mauern, Stacheldraht und unbewaffneten Wächtern geschützt. Das IKRK unterstützt und empfiehlt dass wir regelmässig ein paar Tage aus der Konfliktlage heraus in ein Nachbarland oder in die Schweiz gehen, damit wir uns erholen konnten. Zu Beginn erachtete ich die empfohlene Zeitspanne als zu kurz. Doch es stellte sich bald heraus, dass es sich länger anfühlte, als ursprünglich erwartet und die Arbeit und Situation vor Ort einem wirklich viel abverlangt.

 

 

Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit vor Ort mit den Konfliktparteien? (Anm. d. R. Das IKRK verhandelt mit sämtlichen Konfliktparteien und kann dadurch Lösungsvorschläge erarbeiten, die von allen Parteien unterstützt werden)

Die Verhandlungen konnten durchaus sehr langwierig sein. Ein Beispiel dafür war ein kleineres Hilfsprojekt im medizinischen Bereich. Es dauerte Monate, bis das Projekt endlich in die Gänge kam. Die Vorabklärungen mussten immer wieder neu gemacht, Sicherheitsgarantien erneuert, und Sitzungen mit den Behörden organisiert werden. Die beteiligten Personen benötigten sehr viel Ausdauer. Auch die Kultur der Südsudanesen unterscheidet sich stark von dem, was wir gewohnt sind. Man ist weniger direkt und diskutiert jedes Detail, bevor etwas in die Tat umgesetzt wird. Wenn man sich einmal damit angefreundet hat, dann geht es.

 

 

Waren Sie während Ihrem Einsatz auch einmal in Gefahr oder hatten zumindest Angst davor?

Ich fühlte mich grundsätzlich nie an Leib und Leben gefährdet. Trotzdem gab es risikoreiche Situationen, zum Beispiel wenn man nachts wegen einer Schiesserei aufwacht und nicht genau wusste, was los war. Die Stadt Wau, in der ich stationiert war, galt als relativ sicher. Im April als sich die Frontlinien verschoben, gab es öfters Überfälle und vereinzelt Artilleriefeuer südlich der Stadt. Doch selbst dann vertraute ich dem Sicherheitskonzept des IKRK welches für jegliche Situationen auch Notfallpläne hat.

 

 

NGOs und Entwicklungshelfer werden oft kritisiert. Es wird vorgeworfen, dass durch die Entwicklungshilfe Abhängigkeiten geschaffen würden, die Einsätze nicht zielgerichtet wären oder den Einheimischen etwas aufgezwungen würde. Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Diese Vorwürfe werden meiner Meinung nach von einem Schreibtisch in der Schweiz immer sehr schnell gemacht. Wenn beispielsweise Menschen vertrieben werden, haben sie nichts und sie leiden Hunger. In einem solchen Moment kann man sie entweder sich selbst überlassen was wohl für viele den Tod bedeuten würde, oder man kann Nothilfe, z.B. in Form von Nahrung zur Verfügung stellen. Das ist jedoch keine langfristige Lösung und so kann schnell eine Abhängigkeit entstehen.  Die Situation und Entwicklungen vor Ort stellen Hilfsorganisationen vor sehr schwierige Entscheidungen.

Wichtig ist aus meiner Sicht eine verlässliche Präsenz, koordinierte Vorgehensweise und eine gute Kontaktpflege vor Ort. Dadurch, und gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung, lässt sich etwas erreichen. Organisationen die ohne viel Erfahrung und kurzfristig Projekte starten sind dagegen meines Erachtens wenig effektiv.

 

 

Wie hat Sie die Zeit im Südsudan persönlich geprägt?

Ich denke, ich wurde eindeutig ausgeglichener und ruhiger. Wenn etwas nicht funktioniert, kann ich es heute gelassener nehmen und meine Sturheit hat wohl etwas nachgelassen. Ausserdem lernt man die ganz alltäglichen Dinge der Schweiz wertschätzen, beispielsweise einfach in die Berge gehen zu können oder das Essenangebot. Im Südsudan isst man eben das, was auf dem Markt ist: Hirse. Milchprodukte gab es praktisch nicht, ebenso Brot oder Pasta. Ich brachte jeweils viel Essen aus der Schweiz mit und hab meine Kochfähigkeiten wesentlich erweitert um auch mal ein Fondue oder ein Risotto geniessen zu können.

 

  

Wie geht es jetzt nach Ihrer Rückkehr weiter?

Im Moment ist noch offen, wie es genau weiter geht. Ich kann mir gut vorstellen, nochmals bei einer kürzeren Mission teilzunehmen oder auch eine Stelle in der Schweiz zu finden. Auf alle Zeit für das IKRK in Krisenländern tätig zu sein, möchte ich aber nicht. Rückblickend war es eine super Erfahrung, die ich wieder machen würde. Anderen Leuten würde ich den Einsatz empfehlen. Trotzdem muss man sich bewusst sein, auf was man sich einlässt und dass es in vielerlei Hinsicht sehr intensiv sein kann.

 


 

Die Antworten widerspiegeln die persönliche Meinung von Martin Markovic und repräsentieren nicht die offiziellen Positionen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz.

 

Internationales Komitee vom Roten Kreuz

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz ist eine unparteiliche, neutrale und unabhängige Organisation, deren ausschließlich humanitärer Auftrag es ist, Leben und Würde von Opfern bewaffneter Konflikte und sonstiger Gewaltsituationen zu schützen und ihnen Hilfe zu leisten.

Es handelt als Reaktion auf Notsituationen und fördert die Achtung des humanitären Völkerrechts und dessen Umsetzung in nationales Recht. Das IKRK bemüht sich zudem, Leiden zu verhindern, indem es das humanitäre Recht und universelle humanitäre Grundsätze fördert.

 

https://www.icrc.org/en/where-we-work/africa/south-sudan

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