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Hotspot Bericht

Der IS in Europa – Nahost-Experte Ulrich Tilgner im Interview

Frankreich, 24.11.2015 von Céline Neuenschwander

Nahost-Experte Ulrich Tilgner redet Klartext über den IS und die Strategie von Europa im Kampf gegen den Terror: Mehr Überwachung und Sicherheitspersonal sind sinnlos. Eine Koalition zwischen Schiiten, Kurden und Sunniten würde den IS am meisten schwächen. Wir müssen mit weiteren Angriffen in Europas Städten rechnen.

Bislang hat sich der Krieg zwischen den westlichen Ländern und dem IS nur im Mittleren Osten und in Nordafrika abgespielt. Mit dem Terrorangriff in Paris schlägt der IS auf europäischem Boden zu. Erkennen wir darin eine neue Kriegstaktik des IS?

Ja, dies ist eine neue Kriegstaktik. Frankreich war in den vergangenen 17 Monaten an gut 7000 Luftangriffen gegen den IS beteiligt. Bisher beantwortete der IS die Angriffe aus dem Westen nicht militärisch, sondern hat sich eingeigelt und defensiv reagiert. Jetzt folgt eine offensive Kehrtwende, der IS beginnt auf europäischem Boden zurückzuschlagen. Konkret bedeutet das, dass auch mehr Terroranschläge in den Staaten erfolgen werden, die den IS angreifen. Gleichzeitig ist der IS in Syrien und im Irak unter Druck geraten und will mit Terrorangriffen in Europa davon ablenken.

 

Müssen wir jetzt vermehrt mit solchen Angriffen rechnen?

Ich gehe davon aus, dass jetzt mehr solche Attentate folgen werden. Wo und wann diese ausgeführt werden, ist natürlich schwer vorherzusagen. Von einer Zunahme solcher Angriffe in Europa gehe ich stark aus.

 

Welche Städte sind besonders gefährdet, zur Zielscheibe des IS zu verkommen?

Es wird innerhalb des IS sicher irgendwelche Listen geben. Grundsätzlich lebt diese Kriegsform des IS gerade vom Überraschungseffekt. Daher bleibt der nächste Anschlag immer unvorhergesehen und das nächste Attentat kann nie vorausgesagt werden. Städte in Ländern, die Luftangriffe fliegen, sind sicher stärker gefährdet als andere.

 

Wie schleusen sich die Terroristen in Europa ein?

Dafür gibt es die unterschiedlichsten Wege. Sie können den Flüchtlingsstrom dafür nützen, doch es wäre dumm zu glauben, dass sie ohne diesen nicht kommen würden. Das darf nicht vergessen gehen! Der IS hält zahlreiche Kontakte nach Europa. Es werden Verbindungen zu schlafenden Jihadisten-Zellen in Europa aufgenommen, um daran anzuknüpfen und an Informationen zu gelangen. Zu solchen Zellen gehören etwa auch stillgelegte Al Kaida Netzwerke. So baut sich der IS ein Netzwerk in Europa auf, bestehend aus Leuten, die sich hier auskennen und die Strukturen kennen und bei der Einreise helfen. Auch europäische Rückkehrer aus dem Jihad können eine Rolle spielen und mit IS Terroristen in Kontakt stehen. Es ist nun wichtig, diese Netzwerke in Europa aufzuspüren.

 

Soeben haben Sie die heimkehrenden Jihad Kämpfer angesprochen. Sind diese die Initianten von Terrorangriffen in europäischen Städten?

Rückkehrende Jihad Kämpfer stellen sicher eine Gefahr dar. Der IS nimmt gezielt Kontakt auf zu den existierenden Netzwerken, die es hier gibt. Durch diese Verbindungen können die Leute, die solche Taten in Syrien planen, diese hier sehr einfach durchführen. Wer zu welchem Anteil beteiligt ist und ob die Initiative von Jihadisten in Europa oder Personen in Syrien ausgeht, kann man nicht genau sagen.

 

Die Reaktionen auf das Attentat sind vielerorts eine Aufstockung des Sicherheitspersonals und mehr Überwachung. Bringt das überhaupt etwas?

Nach jedem Anschlag wird nach mehr Sicherheit gerufen. Dabei entwickelt sich eine Spirale ohne Ende. Doch schon vor dem Attentat in Paris hat es in Frankreich eine Aufstockung des Personals und eine strengere Überwachung gegeben. Wie sich jetzt gezeigt hat, bringt das allein überhaupt nichts. Viel wichtiger als noch mehr Sicherheit und Überwachung wäre die Ursachenbekämpfung im Irak und in Syrien. Unter den jetzigen Umständen werden die Sunniten weiterhin dem IS in die Arme getrieben.

 

Wie kann der IS gestoppt und die Terrorgefahr gemindert werden?

Indem man die politischen Verhältnisse in Syrien und im Irak ändert. Der IS ist eine Folge des Konflikts im Irak und die Verhältnisse in Syrien haben die Entwicklung des IS beschleunigt. Der Konflikt zwischen Schiiten, Kurden und Sunniten muss entkrampft und das Misstrauen zwischen den drei Gruppen abgebaut werden. Eine Koalition zwischen den Schiiten, Kurden und Sunniten würde den IS am meisten schwächen. Seit der Invasion der USA im Irak haben die Sunniten keine Machtbeteiligung mehr und werden unterdrückt. Als Folge davon strömt diese Bevölkerungsgruppe dem IS zu. Als Reaktion auf die Attentate in Paris weitere Luftangriffe in Syrien zu fliegen ist sinnlos und führt nicht zu einer Beruhigung der Lage. Ganz im Gegenteil; je mehr Einschüchterung und Angriffe aus der Luft auf Syrien folgen, desto mehr Terroranschläge werden in Europa verübt.

 

Was raten Sie Zivilisten, wie sie sich am besten schützen können?

Ich glaube nicht, dass man irgendetwas dagegen tun kann. Der Terror des IS kann einem überall treffen, einen Schutz dagegen gibt es nicht. Klar könnte man nur noch zu Hause bleiben, doch das ist keine Lösung. Am ehesten kann man sich vor dieser Art von Terror schützen, wenn man die grundlegenden Ursachen kennt und sich den Folgen bewusst wird. Es existieren keine Individuallösungen.

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