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Fachartikel

Von Esten und Blöcken: die Zukunft des E-Votings in der Schweiz

Weltweit, 26.04.2019 vonSteven Sohn

E-Voting, eine emotionale Angelegenheit. Angesichts der mitunter hitzigen Diskussionen zwischen Befürwortern und Gegnern lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten und den Blick zu öffnen. Welche Herausforderungen stellen sich? Gibt es Beispiele, von denen wir lernen können? Wie könnten gangbare Lösungen aussehen? Lesen Sie hier, wie Estland und Blockchain Antworten liefern könnten.

E-Voting, also das elektronische Abstimmen und Wählen übers Internet, lässt wohl die wenigsten kalt. Seit nunmehr fast 20 Jahren steht die digitale Stimmabgabe auf der politischen Agenda. Zahlreiche Versuche und Projekte wurden seither aufgegleist, durchgeführt – und auch wieder eingestampft. Zuletzt machte das E-Voting-System der Post Schlagzeilen, als aufgrund kritischer Systemfehler und Sicherheitsbedenken im März 2019 der Projektunterbruch beschlossen wurde.

So erfährt E-Voting denn auch einen harschen Gegenwind: mittlerweile ist gar eine Volksinitiative für ein faktisches Verbot in Vorbereitung. Rückendeckung erhalten die KritikerInnen aus einem Teil der IT-Welt, wobei insbesondere der Chaos Computer Club (CCC) Schweiz als dezidierter Gegner in Erscheinung tritt. Das wichtigste Gegenargument fusst dabei auf Bedenken bezüglich der Sicherheit. E-Voting sei anfällig für Manipulationen durch Hacker, wodurch Manipulationen der Stimm- oder Wahlergebnisse möglich seien.

E-Voting-Anhänger halten dem entgegen, dass auch bei der klassischen Papierwahl Betrug nicht ausgeschlossen würde und dass bei der elektronischen Stimmabgabe diverse Möglichkeiten bestünden, das Risiko zu minimieren. An vorderster E-Voting-Front kämpft unter anderem auch die Auslandschweizer-Organisation (ASO), welche die Interessen der zahlreichen im Ausland lebenden SchweizerInnen vertritt. Diesen ist E-Voting ein besonderes Anliegen, denn aufgrund der langen Postwege kommt es immer wieder zu Problemen bei der rechtzeitigen Zustellung der Abstimmungsunterlagen per Post. Mit E-Voting wäre eine zeit- und ortsunabhängige Stimmabgabe möglich, wodurch auch die AuslandschweizerInnen unkompliziert am demokratischen Prozess teilnehmen könnten.

In der Schweiz ist die Lage also durchaus bewegt. Doch wie sieht es anderswo auf der Welt aus?

 

Estland als Vorreiterin

Tatsächlich gibt es kaum etablierte E-Voting-Systeme. Zwar wird in diversen Ländern wie Frankreich, Norwegen oder Deutschland damit experimentiert oder zumindest darüber diskutiert. Eine Vorreiterrolle übernimmt jedoch ein kleiner, oftmals übersehener Staat: Estland. Die baltische Nation hat bereits 2005 als einziges Land weltweit ein flächendeckendes E-Voting-System eingeführt – und das, obwohl sie mehrere Jahre nach der Schweiz damit begannen.


                  Tallinn, Hauptstadt Estlands | A. Palu @ Wikimedia Commons

Der estnische Ansatz unterscheidet sich vor allem in einem Punkt substanziell von der Schweizer Herangehensweise, nämlich bei der Identifikation der Abstimmenden. Aus demokratischen Gründen muss sichergestellt werden, dass nur wahl- und stimmberechtigte Personen ihre Stimme abgeben. Dies funktioniert in Estland mithilfe der Identitätskarte, welche über einen Computerchip verfügt. Zur Identifikation wird die Karte in ein spezifisches Lesegerät eingeführt und ein persönlicher Code eingegeben. Erst dann erhält man Zugriff auf die Seite für die Stimmabgabe. Zur Bestätigung der Wahl ist abschliessend ein weiterer Code notwendig, nach dessen Eingabe die Stimme verschlüsselt – sprich anonymisiert – übermittelt wird.

Im Schweizer System ist vorgesehen, dass die Abstimmenden einen Identifikationscode per Post zugestellt erhalten, den sie ebenfalls vor dem Abstimmen eingeben müssen. Die estnische Lösung mit der Identitätskarte sei, so die Befürworter, nicht nur simpler, sondern berge auch weniger Manipulationsrisiken. Tatsächlich ist es bislang noch zu keinen grösseren Problemen gekommen – nicht zuletzt auch dank stetiger Kontrollen und laufenden Anpassungen.

Für die Estinnen und Esten ist E-Voting mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden. In den vergangenen Jahren hat die Anzahl an digital abstimmenden Personen stetig zugenommen, wobei die Effekte auf die allgemeine Wahlbeteiligung umstritten sind. Die Esten sind jedenfalls stolz auf ihr System und ihre Vorreiterrolle.

 

Blockchain als Schweizer Lösung?

Das Beispiel Estlands zeigt, dass E-Voting möglich ist. Doch trotz dieser guten Erfahrungen sollten die Sicherheitsbedenken nicht beiseite gewischt werden. Eine simple Übernahme des estnischen Systems bietet sich aufgrund der Eigenheiten der Schweizer Demokratie ebenfalls nicht an.

Eine mögliche Lösung könnte jedoch aus Zug, dem sogenannten «Crypto Valley», kommen. Als besonders erfolgsversprechend werden Systeme gehandelt, die auf der sogenannten Blockchain-Technologie basieren, welche zuletzt im Rahmen des Bitcoin-Hypes zu einiger Bekanntheit gelangte.

Vereinfacht gesagt wird bei Blockchain eine Information, z.B. eine «Ja»-Stimme bei einer Abstimmung, in einem sogenannten «Block» gespeichert – zur Veranschaulichung siehe nachfolgende Grafik. Jeder Block verfügt über einen «Hash», der auf der gespeicherten Information basiert. Er dient quasi als Identifizierungscode und kann nicht ohne Weiteres verändert werden. Ein Block wird nun mit weiteren Blöcken verbunden und bildet so eine Art «Kette» – ober eben chain. Zur Bindung dieser Blöcke untereinander kommen die Hashes ins Spiel: auf einem Block befindet sich nämlich nebst dem eigenen Hash auch immer der Hash desjenigen Blocks, der in der Kette vorangeht. So werden die Blöcke aneinander «gekettet».

Versucht nun ein Hacker, die Information in unserem Block C zu ändern (z.B. indem er die Stimme von «ja» zu «nein» ändert), so verändert sich auch der Hash des Blocks. Dieser Hash stimmt dann nicht mehr mit dem im nachfolgenden Block gespeicherten Hash überein – die Kette bricht auseinander. So können Manipulationen leicht identifiziert werden.

Das Geniale: die Kette wird nicht zentral an einem Ort gespeichert. Vielmehr werden identische Kopien der Kette über zahlreiche Server verteilt. Somit gibt es – im Gegensatz zum aktuellen System der Post – nicht einen zentralen Punkt, den Hacker angreifen könnten, was die Sicherheit erhöht.

Die Kopien «kontrollieren» sich zudem gegenseitig: wird eine Kette verändert, so stimmt diese Version nicht mehr mit den Kopien überein und wird als solche erkannt. Die ausschlaggebende Information ist somit diese, die in der Mehrzahl der Kopien beinhaltet ist. Um zu unserem Beispiel zurückzukehren: ändert ein Hacker unsere «Ja»- in eine «Nein»-Stimme, erkennen dies die Kopien, in welchen unsere richtige Stimme gespeichert ist. Am Schluss haben wir der Vorlage deswegen trotzdem zugestimmt, der Manipulationsversuch läuft somit ins Leere.

Das macht das System durchaus interessant, da damit ein systematisches, flächendeckendes und vor allem unerkanntes Manipulieren der Stimmabgabe enorm erschwert wird – manche Befürworter würden gar so weit gehen und von «verunmöglicht» sprechen. KritikerInnen warnen jedoch auch hier davor, die Risiken nicht zu unterschätzen, denn kein System kann eine hundertprozentige Sicherheit garantieren.

 

Vorsichtige Abwägungen nötig

Könnte Blockchain also die Lösung sein? Letztlich gilt es, die Vor- und Nachteile inklusive der Risiken gewissenhaft abzuwägen. Dazu braucht es eine Diskussion, die nicht nur in der Politik, sondern in der Gesellschaft geführt werden muss – immerhin geht es um unsere Demokratie.

 

Hotspot Weltweit

Hotspot Bericht

Mit der Kamera an die Kriegsfront

18.05.2018vonCéline Neuenschwander

Wenn er gerade nicht unterrichtet, dann reist Alex Kühni in den Krieg. Als Kriegsjournalist dokumentiert er die Konflikte dieser Welt. Sein Ziel dabei: Das Bewusstsein der Menschen in den westlichen Ländern schärfen. Zu diesem Zweck gibt er sich oftmals selbst in Lebensgefahr. Für seine Arbeit gewann Kühni den diesjährigen Swiss Press Photo Award der Kategorie Ausland. Ein Interview über ein Leben zwischen Klassenzimmer und Kriegsfront.

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